Auseinandersetzung statt Konfrontation – Unterwegs mit der Fahrradstaffel der Polizei Berlin

Wir betreten das Grundstück einer Polizeidienststelle in der Nähe des Hauptbahnhofs. Hier steht ein modulares Container-Gebäude mit mehreren Etagen. Unten am Eingang begrüßt uns schon der Polizeibeamte Sascha Reichenberger. Er führt uns in eines der oberen Stockwerke und erklärt, dass das Gebäude eigentlich eine Zwischenlösung war, aber nun wohl dauerhafter sein wird. Immerhin sei es ein guter Standort. Die DVW ist zu Besuch bei der Fahrradstaffel der Polizei. Meine Kollegin Karin Müller und ich dürfen die Beamten einen Tag bei ihrer Arbeit begleiten. (Den Beitrag schrieb Heiner Sothmann für die Ausgabe 5-2018 der „mobil und sicher“)

Seit 2014 gibt es die Fahrradstaffel in Berlin. Wer sich im Stadtzentrum aufhält, hat gute Chancen, die Radstreife auf ihren weißen Rädern zu treffen. Damals startete der Modellversuch mit einer Laufzeit von drei Jahren und wurde unter anderem von der Unfallforschung der Versicherer (UDV) begleitet und unterstützt. Das Besondere war die Aufgabenverteilung. Mitglieder der Radstaffel sollten ausschließlich in der Verkehrsüberwachung eingesetzt werden und keine Polizeiaufgaben darüber hinaus wahrnehmen müssen. Und sie sind natürlich mit dem Fahrrad unterwegs, was sie etwas flexibler im Straßenverkehr macht und die Ansprache von Bürgern erleichtert. Bewerben konnten sich aktive Polizeibeamte aus ganz Berlin, zwanzig Bewerber traten dann ihren Dienst auf dem Sattel an.

Bevor es für uns losgeht, finden wir uns im Besprechungsraum ein. Es herrscht eine freundliche und entspannte Atmosphäre. Die Leiterin der Staffel, Andrea Barthels, erläutert kurz, wie die Fahrt aussehen wird und auf was zu achten ist. Auf einem Stadtplan umreißt sie das Einsatzgebiet der Fahrradstaffel, das sich hauptsächlich im Zentrum befindet und vom Regierungsviertel bis zum Alexanderplatz erstreckt. Wir fahren mit Stefanie Gundlach, Sascha Reichenberger und Fabian Luger, der mit 34 Jahren der jüngste Radler der Staffel ist. Sie packen ihre Ausrüstung zusammen, dann gehen wir in den Fahrradraum. Hier stehen etliche Dienstfahrzeuge, die den Schriftzug „Polizei“ auf dem Rahmen tragen. Es gibt auch ein paar Pedelecs und sogar ein (einspuriges) Lastenrad, das vorrangig für stationäre Einsätze gedacht ist. Die Räder müssen langlebig und belastbar sein, denn manchmal muss die Streife samt Ausrüstung stärker in die Pedalen treten, um einen „flüchtigen“ Radfahrer einzuholen. Das merken wir schon nach den ersten Metern unserer Strecke.

Kaum haben wir die Ausfahrt der Dienststelle verlassen, sind die Beamten sehr konzentriert auf den Rädern und beobachten aufmerksam die Umgebung. Wir fahren im Bezirk Mitte: Straße des 17. Juni, Reichstag, Brandenburger Tor, Unter den Linden. Jetzt im Sommer ist viel los im Zentrum. Touristenströme schieben sich an den Sehenswürdigkeiten vorbei, es gibt viele Baustellen und hohes Verkehrsaufkommen. Das Angebot an Leihrädern wird außerdem gut genutzt. Immer wieder halten die Polizisten Radfahrende an, die in falscher Richtung unterwegs sind, auf dem Gehweg fahren oder das Smartphone in der Hand halten. Sie werden direkt auf ihr Fehlverhalten hingewiesen, es gibt ein Gespräch und gegebenenfalls eine Strafe. Bei schweren Verstößen wie das Missachten einer roten Ampel oder Ordnungswidrigkeiten mit Gefährdung stimmen sie sich kurz ab und fahren zu zweit hinterher. Wir warten dann und ertappen uns dabei, wie auch wir für die kleinen und großen Verstöße in der unmittelbaren Umgebung sensibilisiert werden.
Neben den Radlern sind auch Falschparker im Visier der Fahrradstaffel. Viele Fahrzeuge und schlechte Infrastrukturbedingungen gepaart mit rücksichtslosem Verhalten führen zu beinahe wild abgestellten Autos auf Straßen, Gehwegen und Radstreifen. Doch auch hier suchen die Polizisten zuerst das Gespräch und wollen die Wege schnell frei haben. Wenn das nicht klappt, gibt es einen Strafzettel beziehungsweise wird abgeschleppt.

Unsere pedalierenden Begleiter haben schon einige Jahre Erfahrung im Polizeidienst, auch an Brennpunkten der Kriminalität. Sie kennen die harten Arbeitsbedingungen und den schwierigen Umgang einiger Bürger mit den Ordnungshütern. Sie waren mit Geringschätzung, Aggression und ernster Gewalt gegen sie konfrontiert. Überhaupt seien der Kontakt zu den Menschen und die Ansprache in diesen Situationen nur durch eine scharfe Konfrontation möglich. Bei der Fahrradstaffel schätzen sie den Teamgedanken und die freundschaftliche Atmosphäre. Aber auch der Kontakt zu den Bürgern ist ein anderer. Die Ansprache ist immer auf Augenhöhe – von Radfahrer zu Radfahrer – und erzeugt mehr Offenheit bei den Verkehrsteilnehmern. Dadurch erreichen sie ihr Gegenüber besser, schaffen Einsicht und begegnen einer größeren Wertschätzung der Polizeiarbeit, die auch sichtbare Erfolge auf der Straße hat.

Nach der Modellphase hat die UDV 2017 das Projekt Fahrradstaffel abschließend evaluiert – mit einem positiven Ergebnis. Die Staffel nahm in den drei Jahren knapp 54.000 Ordnungswidrigkeiten auf, wobei nicht jedes Fehlverhalten auch geahndet wurde. An Unfallschwerpunkten trat eine deutlich positive Entwicklung ein. Die Zahl der schweren Radverkehrsunfälle wurde etwa um die Hälfte reduziert und allgemein wurde regelkonformer gefahren. Schließlich wird die Fahrradstaffel von den Bürgern in Mitte positiv wahrgenommen. Logische Konsequenz war eine Übernahme des Modells in den Regelbetrieb. Heute ist die Fahrradstaffel fester Bestandteil der Polizei Berlin.

Bei unserer Tour sehen wir die Eindrücke aus den Gesprächen bestätigt. Jeder Verstoß, dem die Polizisten nachgehen, wird einzeln betrachtet, um dann eine wirksame Maßnahme zu treffen. Die Bestrafung steht dabei nicht im Vordergrund. Die Beamten suchen den Dialog. Dafür müssen sie eine gute Menschkenntnis besitzen, um ihr Gegenüber auch zu erreichen. Sie konfrontieren Verkehrssündern darum weniger, sondern setzen sich mit ihnen aktiv auseinander und bewirken dadurch gleichermaßen eine Auseinandersetzung der Bürger mit ihrer Verantwortung im Straßenverkehr.

Als wir uns am frühen Abend am Brandenburger Tor verabschieden, spüren wir doch die etlichen Kilometer in den Waden. Für uns war es ein erfolgreicher Tag, wir konnten einen guten Eindruck vom Alltag einer Fahrradstaffel gewinnen und wünschen uns nicht nur persönlich, dass sie Verbreitung findet. Die DVW hatte auf ihrer Jahreshauptversammlung 2018 in Köln beschlossen, sich dafür einzusetzen, dass Fahrradstaffeln als eigenständige Einheit in sämtlichen deutschen Großstädten eingeführt bzw. bestehende Staffeln personell aufgestockt werden. Auch das Berliner Mobilitätsgesetz sieht einen Ausbau der Fahrradstreifen vor, solange es die Ressourcen hergeben. In der Hauptstadt werden zumindest in absehbarer Zeit weitere Radpolizisten die Staffel ergänzen.

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